Eberhard Jüngel 80: The Interview – Part 2. The death of God

This interview was recorded on 5 January 1985 in Prof Jüngel’s house in Tübingen. 

Murray Hofmeyr: In Ihrer Theologie ist der Tod Gottes sehr wichtig. Habe ich recht, wenn ich sage, daß aus dem Tod Gottes die Wirklichkeit und die Lokalität von Gottes Offenbarung sich zeigt?

Eberhard Jüngel: Der Ausdruck, „Tod Gottes“ ist ja geläufig geworden aus der Atheismuspolemik gegen die Religion und vor allem gegen das Christentum. Dabei hat man nicht mehr gewußt, daß der Ausdruck ursprünglich selber aus dem christlichen Dogma hervorgegangen ist. Es war Tertullian, der gesagt hat: „Deum mortuum esse.“ Gott selbst ist gestorben. Es waren die theopaschitischen Lehren der griechischen Kirche, die erklärt haben, daß im Fleische Jesu Gott selbst gelitten habe und gestorben sei. Und es war dann vor allen Dingen in der Reformationszeit Luther, der gegen Zwingli ganz stark betont hat, daß wenn der Mensch Jesus gestorben ist, wegen der Einheit Gottes mit diesem Menschen, wegen des Zur-Welt-Kommens Gottes, wegen der Menschwerdung Gottes, man auch von Gott selber sagen müsse, er sei gestorben.

Und die wenigsten Pastoren und Theologen wissen, daß in den Lutherischen Bekenntnisschriften das als Satz festgehalten ist. In der Konkordienformel ist ein Luther-Zitat aufgenommen, in der diese Behauptung steckt, daß man sagen muß: „Also ist’s recht geredet, Gott selbst ist gestorben.“ Das steht ja dann auch in einem Choral, einem Passionschoral: „O große Not, Gott selbst liegt tot, am Kreuz ist er gestorben!“

Hegel zitiert diesen Satz, Hegel, der in Tübingen vorzüglichen theologischen Unterricht genossen hat, hat das gewußt, daß das lutherischen Ursprungs ist, die Rede vom Tode Gottes. – Nietzsche  mit seiner Rede vom Tode Gottes hat dann diese Redensart in den modernen Atheismus hinübergeführt.

Und ich finde, daß es zur Aufgabe der Theologie auch gehört, ernst zu nehmen, daß das Kreuz Jesu auch für Gott selber eine Negation bedeutet, eine Selbstbeschränkung… Im Kreuz Jesu hat Gott sich selbst beschränkt, so wie er sich in seiner Schöpfung schon einmal selbst beschränkte. – Das hat die jüdische Mystik immer gewußt.

In der jüdischen Mystik gibt es eine eigenartige Lehre von der Selbstbeschränkung und Demut Gottes, die darin besteht, daß er neben sich „ein anderes“ sein läßt, nämlich die Welt, seine Schöpfung. Man könnte also diese merkwürdige mystische Lehre der jüdischen Kabbala in Parallele setzen zur christlichen und noch sehr viel intensiveren These, daß im Kreuz Jesu Gott unseren Tod geteilt hat, daß der Ursprung des Lebens unseren Tod geteilt hat und daß deshalb das Kreuz, der Tod Jesu, in der Tat ein Kampf um Leben und Tod war.

Auch das ist in einem Choral ganz einfach und sehr tief festgehalten worden – einem Osterchoral von Luther: „Es war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen, das Leben behielt den Siege, es hat den Tod verschlungen. Die Schrift hat uns verkündet das, wie ein Tod den andern fraß!“ Bei Luther sind das übrigens Motive, die aus der alten griechischen Kirche übernommen sind. Bei Athanasius haben Sie ganz ähnliche Aussagen: Das „Verschlungenwerden“ der ganzen Welt durch den Tod Christi.- Ja, das sind Texte, die mir sehr lieb sind und über die ich gerne nachdenke…

MH: Das ist schön, daß diese einfachen, elementaren Texte mit Ihren tiefen Gedanken übereinstimmen..

EJ: Die Dichter – und unsere Choräle sind ja doch große dichterische Erzeugnisse – die Dichter haben die tiefen Gedanken in eine glücklich einfache Form gebracht. Aber dazu muß man ein Dichter sein, um das tun zu können.

MH: Ich habe jetzt eine etwas dumme Frage: Sie sind den amerikanischen Gott-Ist-Tot-Theologen nicht so freundlich gesonnen. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Theologie von der amerikanischen Gott-Ist-Tot-Theologie?

EJ: Ja, die amerikanische Theologie vom Tod Gottes ist ja keine einheitliche Erscheinung. Es sind sehr unterschiedliche Strömungen da. Vahanian ist ein sehr ernst zu nehmender Mann gewesen und wohl auch immer noch; van Buren hat ganz andere Interessen gehabt mit seinen sprachanalytischen Assoziationen zur „Gott-Ist-Tot-Theologie“; Hamilton wieder ganz anders und ganz andere Fragestellungen. Man darf also dieses Schlagwort „amerikanische Gott-Ist-Tot-Theologie“ nicht so pauschal sehen. Von daher habe ich also unterschiedliche Einstellungen zu den einzelnen. Ich habe das damals, als diese Theologie erschien, alles gelesen – obwohl ich sehr große Mühe mit dem Englischen habe. Ich habe unten eine ganze Regalreihe von diesen Texten.

Ich muß nun aber doch sagen und somit Ihrer Fragerichtung leider zustimmen: vieles war wahnsinnig oberflächlich, eine oberflächliche, journalistische, modische, nach den Medien schielende Theologie. Und damit konnte ich mich nicht befreunden.

Ich hatte gleichzeitig, unabhängig von diesen amerikanischen Dingen, mich aufgrund der Luthertexte mit dem Satz „Gott ist tot“ beschäftigt und mit Hegeltexten mich beschäftigt, die das sagen, und dann kam mir diese amerikanische Gott-Ist-Tot-Theologie vor Augen. Ich war zunächst sehr hellhörig.

In Deutschland hatte ja auch Dorothe Sölle Bücher geschrieben über die „Stellvertretung“ nach dem Tode Gottes. Immerhin, das war etwas tiefschürfender als das, was aus Amerika hier rüber kam, aber auch ohne Kenntnis der wirklichen dogmatischen Tradition. Das hat mich dann doch irritiert und verärgert, daß man Tradition kritisiert, ohne sie zu kennen. – Keine Kritik der Tradition ohne Respekt vor der Tradition! Umgekehrt: Keinen kritiklosen Respekt vor der Tradition! – Beides ist nötig.

Und weil diese Ahnungslosigkeit in Bezug auf die theologische Tradition mir da entgegenschlug, habe ich mich dann enttäuscht von diesen Texten abgewendet. – Ich habe übrigens einmal eine Vorlesung über die amerikanische Gott-Ist-Tot-Theologie gehalten; ein ganzes Semester lang habe ich die Studenten damit gelangweilt. Ich werde es nie wieder tun.

MH: Ich habe das Gefühl, daß Sie diese Amerikaner so einschätzen, daß diese noch in der alten Tradition der Metaphysik stehen, was nur zum Nihilismus hinführen kann. Sie versuchen dann, den Tod Gottes auf eine neue Weise zu verstehen und die alte Metaphysik zu überwinden.

EJ: Ja, Ihre Frage zielt ins Zentrum des Problems. Die christliche Theologie hat immer da, wo sie das Wort vom Kreuz ernstgenommen hat, anti-metaphysische Stellungen bezogen. Es kam dort immer zur Kritik an der großartigen klassischen alten Metaphysik, wie sie uns durch Plato, Aristoteles und die Stoa überliefert worden ist.

Damit Sie mich nicht mißverstehen: Ich liebe diese griechischen Texte. Ich habe mich in meiner laienhaften Art damit beschäftigt und lese noch heute gerne Plato- und Aristoteles-Texte: das ist ganz großes Denken. Auch hier darf niemand kritisieren, bevor er nicht mit tiefem Respekt studiert und verstanden hat.

Das ist ganz große Denkarbeit, die da geleistet wurde und in vielen Stücken ist unsere moderne Zeit auch davon abhängig. – Die heutige Dominanz der Technik ist überhaupt nicht zu denken ohne die Grundentscheidung des Aristoteles, daß die Wirklichkeit einen Vorrang vor der Möglichkeit hat: „Also ist offenkundig, daß die Wirklichkeit einen Primat hat vor der Möglichkeit!“ Das war eine Weichenstellung, die überhaupt erst die ganze moderne technologische Entwicklung, die ja auf „Wirklichkeitsvermehrung“ fixierte Technologie ist, ermöglicht hat. Das Wissen also, daß da Wurzeln von uns sind, die bis heute leben, das ist nicht einfach abgestorben. Aber die Metaphysik ist passé. Die ist durch die neuzeitliche Entwicklung überholt, und insofern stellt sich auch für die nichttheologische Auseinandersetzung mit der Metaphysik, also für die Philosophie, die Aufgabe, die Metaphysik kritisch zu überwinden. Martin Heidegger war eine, die Frankfurter Schule war eine andere Möglichkeit. Nikolai Hartmann eine dritte – man könnte weitere nennen.

Das wollen wir nicht weiter verfolgen, uns interessiert, wie die Theologie sich engagiert; da ist nun wichtig, daß sie nicht nur in der Neuzeit metaphysik-kritisch geworden ist, sondern immer da, wo das Wort vom Kreuz ernstgenommen worden ist, es zu einer ausgesprochen kritischen Position der christlichen Theologie gegenüber der Metaphysik gekommen ist; ein Höhepunkt dieser Entwicklung war Luther.

Luthers Kritik der Metaphysik des Aristoteles hat hier ihre Wurzel. In einer der frühen Disputationen Luthers heißt es – überscharf, wie ich meine, aber immerhin charakteristisch: „Man kann nicht ein guter Theologe sein, wenn man auf Aristoteles schwört.“ Das ist entweder in der Heidelberger Disputation oder in der Disputatio contra scholasticam theologicam, das weiß ich nicht so genau. Das hat Luther nicht aus Aristoteles-Feindschaft gesagt – Luther hat ja selber Aristoteles gelehrt eine Zeit lang – sondern das hat er gesagt, weil er verstanden hat, daß das Wort vom Kreuz bedeutet, daß Gott selbst leidet, während der metaphysische Gottesbegriff das nicht zuläßt.

Nach Aristoteles und  schon nach Plato soll der Gott zwar geliebt werden, aber er soll selber nicht lieben. Wenn der Gott lieben würde, würde er seine Gottheit verlieren, sagt schon Plato im Symposium und Aristoteles sagt es auf seine Weise. Das hat Luther gemerkt: Dass die Rede vom leidenden Gott, vom gekreuzigten Gott sich nicht verträgt mit dem metaphysischen Gottesbegriff. Die Metaphysik lebte vom Gottesbegriff: in ihm hatte sie ihr Axiom. Von diesem Gottesbegriff her wurde alles andere verstanden, wie Spinoza  nochmal sehr deutlich später am Ausgang der klassischen Metaphysik sieht – Spinoza fängt nochmal seine Ethik an mit einer Gottesdefinition. Von daraus wurde alles deduziert. In Spinoza hat man überhaupt vieleicht den letzten größeren Vertreter der klassischen Metaphysik. Entsprechend ist er dann auch allergisch gegen christliche theologoumena. Die Rede von der Inkarnation hat Spinoza nie verstanden und hat gesagt, das kann man auch nicht verstehen.

(To be continued)