Eberhard Jüngel 80: The Interview – Part 4. The priority of the Word

This interview was recorded on 5 January 1985 in Prof Jüngel’s house in Tübingen. 

Murray Hofmeyr: Sie reden von der „Nichtnotwendigkeit Gottes“…

Eberhard Jüngel: Notwendigkeit ist ein Relationsbegriff. Wenn ich von einer Sache oder einem Ding sage, es ist notwendig, mache ich es damit abhängig von einem anderen. Wenn ich von Gott sage, er ist notwendig, mache ich ihn abhängig von etwas anderem. Wenn ich sage „Gott ist weltlich notwendig“, mache ich ihn von der Welt abhängig.

Und meine These in dem Buch lautet: „Gott ist weltlich nicht notwendig.“ Man könnte erwägen, ob man nicht sagen kann, „Gott ist aus sich selbst heraus notwendig“; das hat die klassische Metaphysik ja auch versucht zu sagen mit Begriffen wie „causa sui“ und „absoluter Notwendigkeit“ und ähnlichen Formulierungen. Aber das sind doch Auswege aus selbsterzeugten Aporien, und deshalb habe ich  – etwas unphilosophisch, das gebe ich zu, etwas salopp, wenn Sie so wollen – gesagt: „Gott ist mehr als notwendig.“

Aber diese Formulierung „mehr als notwendig“ hat doch ihre elementare Plausibilität. Die leuchtet uns sofort ein, wenn wir uns das mal im Gleichnis menschlicher, zwischenmenschlicher Beziehungen klarmachen. Wenn ein Mensch zum anderen sagt: „Du bist notwendig für mich“, dann macht er sich von diesem abhängig, und das kann bis zu einer Sucht der Abhängigkeit führen. Das ist vielleicht eine große Sache, daß ein Mensch von einem anderen so abhängig ist, aber das hat doch auch immer ein Moment des Perversen in sich.

Wenn dagegen eine freie Begegnung zwischen Menschen stattfindet, in der man merkt, ohne diesen anderen Menschen mag ich eigentlich nicht ich selbst sein, aber ich weiß auch, daß das eine Begegnung ist, die vielleicht gar nicht hätte stattfinden können – ich hätte ja in einer anderen Stadt großwerden können, in einer anderer Stadt studieren können, und wäre dann diesem Menschen nie begegnet – dann kommt doch auch ein bißchen dabei ins Spiel, daß hier „mehr als Notwendiges“ geschieht. Hier ist Freiheit im Spiel. Nochmal anderes formuliert: Wenn ich die Begegnung zwischen zwei freien Personen auf die „Kategorie der Notwendigkeit“ beschränke, dann nehme ich etwas von ihrer Würde, von ihrer Großartigkeit und deshalb finde ich, daß „Notwendigkeit“ eine zu schäbige Kategorie ist.

Die klassische Metaphysik meinte ja, das Größte und Höchste aussagen zu können, wenn man sagte :“Gott ist notwendig“. Ich bin der Meinung, das ist nicht hoch genug gegriffen. Gott ist „mehr als notwendig“, so wie auch zwischen Menschen, die einander in einem elementaren Sinne begegnen und einander die Treue versprechen – die Treue ist ein sehr schönes Beispiel wo mehr als „notwendig“ im Spiel ist. Wäre Treue nur das, würde zwischen zwei Menschen nur ein Notwendigkeitsverhältnis bestehen, wäre das nicht eigentlich Treue, sondern dann wäre das Zwang. Treue ist aber Bindung in Freiheit und Bindung in Freiheit ist mehr als Notwendigkeit. Das wollte ich andeuten und intendieren mit diesem etwas „chinesischen Ausdruck“ abrakadabra..

MH: Gnade ist dann verstehbar als „mehr als notwendig“..

EJ: Ja, alle theologischen Fundamentalbegriffe kann man nicht recht begreifen, wenn man sie mit diesem etwas ungewaschten Begriff der Notwendigkeit interpretiert. Es geht also nicht darum, Gott ins Beliebige herabzuziehen, wenn man sagt „Gott ist nicht notwendig“. Aber es geht darum, das Phänomen „Ereignis“ aufzuwerten. Wenn sich etwas ereignet, dann ist ja immer so etwas wie Zufall im Spiel. In jedem Ereignis – und das hängt wieder mit dem Möglichkeitsbegriff zusammen – geschieht etwas, was wir im Deutschen mit „Zufall“ ausdrücken. „Zufall“ aber ist in der klassischen Metaphysik – ähnlich wie Möglichkeit – immer wieder diskreditiert worden. Bei Angelus Silesius heißt es mal „Mensch werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen das besteht.“ – Es ist eine ganz schlimme Antithese: die Antithese von Zufall und Wesen. Zufall wird dann gedacht im Sinne von „Akzidenz“ –  das, was hinzutritt, hin-zu-tritt, was aber eigentlich auch wegfallen könnte. Das Wesen, das besteht. Falsch!

Zufall im eigentlichen Sinne, nämlich vom Ereignis her gedacht, ist das, was aus Freiheit geschieht (Lateinisch – „kontingent“) und Gnade ist ein solches Ereignis. Offenbarung ist ein solches Ereignis. Liebe ist immer ein solches Ereignis – nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Mensch. Deshalb sage ich, solche Ereignisse unterbrechen die jetzt gegebene Wirklichkeit und den jetzigen Lebenszusammenhang und spielen uns neue Möglichkeiten zu, die mehr sind als „Notwendigkeiten“ im Sinne dessen, daß man sie deduzieren kann von vorher Vorhandenem. Die Geschichte ist in diesem Sinne ja auch nicht eine Kontinuität von Notwendigkeiten.

MH: Sie stellen sich selbst die Aufgabe, über Gott und das Denken neu zu denken. Wie nahe sind diese beiden Komponenten zueinander?

EJ: Bevor wir Gott denken können, begegnet uns Gott selbst, Gott selbst ist aber früher als der Gottesgedanke. Wie begegnet uns Gott selbst? So, daß er mit uns spricht. Insofern ist das Wort von Gott „kerygma“ früher, als der Gottesgedanke. Aber was mir im Wort, im „Kerygma“ zugesagt wird, was ich dort höre, ich dort vernehme, was mir dort an Wirklichkeit Gottes und zur Wirklichkeit Gottes gehörende Möglichkeit vernehmbar wird, das ist doch nun kein Chaos –  es ist kein wildes ungeordnetes beliebiges, heute so und morgen anders aussehendes Gebilde – sondern das hat seine innere Stringenz, seine innere Konsequenz, seine innere Wohlordnung, wie ein Mathematiker sagen wird, und deshalb kann man das denken. Und damit es in seiner Wohlordnung bewahrt wird und nicht durch unsere menschliche Sprache verwirrt  und chaotisch gemacht wird und seine Reinheit verliert und seine innere Stringenz verdunkelt wird – deshalb müssen wir es denken.

Und so verlangt Gott selbst danach, von uns Menschen gedacht zu werden, aber dabei ist mir wichtig, vor unserem Denken und vor unseren Gottesgedanken – ursprünglicher als unser Denken und unsere Gottesgedanken – ist Gott in seinem Wort und ist das Wort Gottes in der sich uns menschlich zusprechenden Verkündigung/Kerygma. Von daher hat die Theologie die Aufgabe, Gott nach-zu-denken. Sie kann ihn nicht „voraus-denken“. Sie kann ihn nicht konstruieren. Sie kann ihn – wenn man überhaupt das Wort verwenden will – allenfalls „re-konstruieren“. Besser in der deutschen Sprache formuliert: Theologie hat die Aufgabe Gott nach-zu-denken, sie hat den Weg nachzugehen, den Gott schon gegangen ist, indem er zur Welt kam und indem er zu Worte kam, im Evangelium.

Und das ist nun freilich eine gegenüber der klassischen Metaphysik neue Weise des Denkens, denn die Metaphysik hat ja gerade umgekehrt das Denken mit sich selbst beginnen lassen und hat ja deshalb Gott selber auch definiert, bei Aristoteles, als „denkendes Denken.“

Das war der Inbegriff alles Wirklichen, daß das Denken sich selber denkt. Nicht so die christliche Theologie. Sie denkt den in einem konkreten Ereignis zur Welt kommenden Gott und in einem konkreten Wort mich anredenden Gott, indem sie ihm nach-denkt. Und wenn sie das tut, dann lernt sie sowohl Gott neu denken – nämlich gegenüber dem metaphyischen Gottesbegriff und dem metaphysischen Gottesgedanken – als auch das Denken neu denken, insofern das Denken sich selber zurücknimmt, an die zweite Stelle tritt und nicht mehr beansprucht, das Erste zu sein, sondern dem Wort nach-denkt.

Das Denken folgt hier der Sprache. Was da im christlichen Zusammenhang gilt, das ist nach meiner Überzeugung auch für die übrige Denkarbeit nützlich. Auch sonst hat das Denken dem nach-zu-denken, was ist. Indem es dem nach-denkt, was ist, wird es dann auch der Zukunft gewachsen sein. Denn zu dem, was ist, gehören ja die Möglichkeiten und insofern schon immer auch die Zukunft.

MH: Zuerst gibt es die Sprache; und dann das Denken, das Nachdenken; es scheint, als ob es auch eine Priorität von Sprache über Denken gibt mit Beziehung zu Menschen…

EJ: Jawohl! Die Wahrheit die in der Theologie zu Tage tritt, gilt nie nur für die Theologie. Zwar kann man nie von den allgemeinen weltlichen Zusammenhängen her auf diese genuin theologischen Wahrheiten kommen – deshalb haben wir vorhin hier klargemacht, das sind „fremde Möglichkeiten“.  Aber wenn man sie einmal erkannt hat, wenn man ihrer teilhaftig geworden ist, wenn es zu einer Erfahrung dieser Wahrheit, dieser fremden Möglichkeiten kommt, dann ist sie doch eine Wahrheit, die weit über sich hinausweist. Wie die Sonne eben nicht nur selber ist, sondern die ganze Welt hell macht, so ist die Wahrheit des Glaubens nicht nur in sich selber wahr, sondern gilt auch über sich hinaus und verweist uns auf alle Zusammenhänge der geschaffenen Welt, sodaß der Denkprozess der Theologie, wenn er recht und verantwortlich geschieht, immer auch auf allgemeinere Zusammenhänge verweist. – Und daher ist Theologie niemals irgendwo im Ghetto. Sie kann gar nicht im Ghetto sein, wenn sie ihre Wahrheitsfunktion ernstnimmt. Denn ihre Wahrheit ist nicht im Ghetto.

MH: Es geht dann also um das Suchen nach einem analogischen Vermittler zwischen Gott und Wirklichkeit. Aber ist es überhaupt notwendig, solch einen Vermittler zu suchen? Handelt es sich in der Theologie nicht ausschließlich darum, daß die schon gegebene (historische/christologische) Analogie nur angewendet werden muß mit den Augen auf die aktuelle Verkündigung?

EJ: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Frage verstanden habe. Ich werde versuchen zu formulieren, was ich verstanden habe. Die Analogie, die Entsprechung zwischen Gott und der ihm widersprechenden Welt, wird nicht von der Welt her möglich, sondern Gott [end of tape – missing text] … und deshalb gilt dieser Mensch als der Heilige oder als das Bild Gottes, als die „Imago dei“, die „eikon tou theou“ – Paulus, 2. Kor 4,4. Und nun habe ich Sie so verstanden, daß doch die Theologie damit genug hat, zu sagen: „Hier ist die große Entsprechung zwischen Gott und Welt.“

MH: Ja.

EJ: Und nun gilt es, diese eine Entsprechung hochzuhalten, so wie in der katholischen Messe der Priester die Monstranz hochhält… Das ist richtig! Das ist in der Tat die Aufgabe der Theologie. Karl Barth hat das übrigens einmal so formuliert: Die Aufgabe der Theologie ist etwas ganz Ähnliches wie das, was der Priester da macht in der Messe. Aber indem diese Wahrheit, diese Entsprechung hochgehalten wird, sieht man doch nun zugleich, daß die ganze Welt von Gott geschaffen worden ist, um ihm zu entsprechen: „So müßte es sein!“ Die ganze Menschheit soll zu Gott empor, soll erhöht werden, nicht in eine metaphysische Höhe, sondern in das ihr Angemessene – so wie auch der Mensch Jesus niemals als solcher Gott wird, sondern Mensch bleibt – also nur in das ihm Angemessene. Und wenn das klar ist, muß man doch sagen, daß die Aufgabe der Theologie zunächst darin besteht, die von Gott schon vollzogene Entsprechung in dem einen „Menschen Jesus“ zu zelebrieren, hochzuhalten, zu sagen: „Ecce homo!“

Aber, indem die Theologie das sagt, sagt sie ja nun zugleich, er, Jesus, ist der, der die ganze Welt Gott zur Entsprechung bringen will; er will ja alle anderen Menschen ebenfalls zu Ebenbildern Gottes machen, er will ja uns – er, das Gleichnis, das Ebenbild Gottes – will uns zu Gleichnissen und Ebenbildern Gottes machen. Und indem er die Menschen zu Ebenbildern Gottes machen will, werden ja ihre Kontexte – ihre sozialen, ihre politischen, gesellschaftlichen, ihre kulturellen Kontexte – ebenfalls „gleichnisfähig“. Sie sind es nicht von sich aus, aber sie werden es dadurch. Und die Aufgabe der Theologie wird deshalb darin auch bestehen, von dieser schon von Gott her allein vollzogenen Analogie her die ganze Welt auf ihre ihr von Gott ermöglichte Analogiefähigkeit, Gleichnisfähigkeit hin anzusprechen. Das berührt sich nun mit den schon vorhin erwähnten politischen Zusammenhängen, wie ich ja dann auch der Meinung bin, daß die Reiche dieser Welt die Bestimmung haben, ein Gleichnis des kommenden Reiches zu sein, um das wir Gott bitten, wenn wir beten im Vaterunser „Dein Reich komme!“ Ob es uns gelingt, aus unseren politischen Zusammenhängen, jemals echte Gleichnisse des Himmelreiches zu machten, ist eine andere Frage. Ich wäre schon glücklich, wenn am Jüngsten Tag der Herr dieses Reiches in den Reichen dieser Welt halbwegs gelungene oder sagen wir, nicht total mißglückte Gleichnisse entdeckten – mißglücken werden alle, aber – nicht total mißglückte Gleichnisse seines Reiches entdeckte…

Wenn uns das gelingt, ist schon viel erreicht. In diesen Dingen muß man nüchtern sein. Schwärmerei hat der Theologie noch nie gutgetan. Aber die Angst vor der Schwärmerei darf natürlich nicht dazu führen, daß man sozusagen gelähmt wird, daß man in politischen Dingen sich mit dem Satz: „Die Welt liegt im Argen“ zufriedengibt. Das ist eine in bestimmten Formen des Luthertums sehr verbreitete –  auch da vielleicht bei Ihnen in der reformierten Welt, ich kenne mich da nicht so aus – bei den Lutheranern, bestimmten Lutheranern sehr weit verbreitete, aber völlig unbiblische Haltung.

(To be continued)